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vonGorres

3. Universitätsjahre

 

Nach glücklich bestandenem Abiturientenexamen rüstete sich Kolping Ende April 1841 zur Reise nach München. Es tat sich damit ein ganz neues Stück Welt für ihn auf, welches er bisher meist nur aus den Büchern gekannt. Vor seiner Abreise verfasste er noch ein Gedicht, betitelt: „Abschied von der Heimat, als ich nach München reiste, dort meine theologischen Studien zu beginnen.“ ...

Anfang Mai kam er in München an. Am ersten Abend, am 3., schreibt er in seinem nun wieder angefangenes Tagebuch: „Da bin ich in der Hauptstadt Bayerns, kenne keinen Menschen und soll doch hier erst meine eigentlichen Studien beginnen. Ein sonderbares Unternehmen, wenn man sich die Sache so obenhin ansieht; geht man aber weiter, so wird man finden, dass Gott es war, der mich hierher leitete, in dem er mir die Mittel bot, dies Unternehmen ausführen zu können. Da ich schon so vielfach Beweise seine gütigen Fürsorge empfangen habe, so darf ich gewiss mich seiner künftigen Leitung getrost überlassen. Die Heimat liegt hinter mir; mit Gewalt habe ich die Tränen unterdrückt, wie nahe sie meinen Augen standen, da, als die Liebe sich nochmals mit ihrer ganzen Gewalt an mein Herz hing. ...“

Nun warf sich Kolping mit großem Fleiss auf die Studien und gewann bald die Liebe seiner Lehrer. Besonders Döllinger und Windischmann zogen ihn an, der eine als hervorragender Meister der Wissenschaft, der andere als tiefer Kenner der Herzen und besorgter Seelenführer. Er hörte Vorlesungen bei den Professoren Hahneberg, Herb, Döllinger, Stadlbaur, Reithmayr und Görres. Studierte er indes mit Lust und Liebe, so unterließ er doch auch nicht, aufmerksam Land und Leute zu beobachten, und schenkte den Kunstwerken, an denen München, dank seinem König Ludwig, so reich ist, nicht weniger aber auch dem warmen kirchlichen Leben volles Interesse, wie zahlreiche Notizen in seinem Buch überweisen. Eine gefühlvolle, echt rheinische Natur, wie die seinige es war, fasste er alles, was ihm vor Augen trat, sehr lebhaft auf, und es brachte seinem Kopf und Herz vielerlei Anregung.

Am meisten unter den Männern des Geistes, mit denen er verkehrte, schätzte er den ausgezeichneten Windischmann. Den hatte er, wie bemerkt, zu seinem Gewissensrat und Beichtvater gewählt. …

Sehr bald bildete sich ein anmutender Kreis von Studierenden aus der Heimat um ihm; mit den meisten derselben ist er bis zum Tode in inniger Freundschaft vereint geblieben. Da er schon als Student Dinge und Menschen scharf aufs Korn nahm und sich dann sehr resolut darüber aussprach, so wurde er bereits als Student ein praktischer Ratgeber für seine jüngeren Mitstudenten, die ihn als den Mann von gereifterem Urteil gern aufsuchte und in für sie zweifelhaften Dingen befragten, wobei sie das, was ihnen an seine Außenseite vielleicht manchmal rau und viereckig erschienen, gerne in den Kauf nahmen. – Hinter dieser derben Außenseite, die alle, welche später mit ihm in Berührung traten, nicht selten kennen und kosten lernten und dir auch den Schreiber dieser Zeilen hier und da verschnupfte, war indes ein unendlich wohlwollendes und treuherziges Gemüt verborgen, eine zartbesaitete Seele, die nicht selten in den weichsten Akkorden erklang. …

Höchst interessant für Kolping war eine Fußreise, welche er in den Herbstferien 1841 durch Tirol bis nach Venedig unternahmen. Schon Wochen vorher atmet sein Tagebuch brennendes Verlangen nach dieser Reise, welche Wohltäter ihm ermöglicht hatten. Am 26. August trat er sie an, von Innsbruck ab in Gesellschaft des Malers Müller (zuletzt wohnhaft in Lipp bei Bedburg), eines seiner besten Freunde, mit dem er in München in regstem Briefwechsel stand. Über diese ganz schöne Reise existiert ein von Kolping mit pünktlichster Treue geführtes Tagebuch, zierlich geschrieben und wie aus einem Guss. Man sieht es dem Buche an, dass es in Kerpen und Umgegend seiner Zeit von Hand zu Hand gegangen sein muss. ....

Von Kaltern wanderten nun Kolping, zwei jüngere Studenten, (Brenner und Nottebaum), sowie der wackere Schüller, der ihr Berater und, als sie auf welschen Boden kamen, als Kenner des Italienischen ihr Dolmetscher war, über Neumarkt, Trient und Noveredo nach Riva am Gardasee; von da ging die Reise, und zwar wie vorher per Pedes, nach Verona, Vicenza und Padua, wo sie am 17. September abends bei strömendem Regen anlangten. Die großartige Kirche zu Ehren des heiligen Antonius nahm das höchste Interesse der Reisenden in Anspruch. Kolping beschreibt dieselbe in seinen Aufzeichnungen. Damals ahnte er noch nicht, dass ihm in seinen letzten Lebensjahren in Köln eine Kirche zur Abhaltung des Gottesdienstes und zur inneren Restauration anvertraut werden sollte, in welcher der heilige Antonius ganz besonders verehrt und angerufen wird, und dass sein leibliches Teil dereinst in dieser Kirche ruhen sollte bis zum Tage der Auferstehung. Von Padua ging’s weiter nach der Königin der Adria, Venedig. Schüller wollte nicht mit dorthin, Kolping aber bat und flehte, und so entschloss sich Schüller endlich zur Weiterreise, da er, wie schon bemerkt, der einzige von der Gesellschaft war, der italienisch sprach. Da des guten Schüllers Schuhwerk von all dem Laufen defekt geworden war, suchte ihm Kolping als Sachverständiger in einem Schuhladen zu Padua ein paar gute Schuhe aus, die mit nach Holzweiler kamen und dort bewundert wurden. Dass die Reisenden große Augen machten, als sie, meist unter Führung eines außerordentlich freundlichen deutschen Paters, Alexander Lehner, das Meer, die Lagunen, Gondeln, Paläste, Brücken und Kirchen Venedigs, besonders die herrliche Sankt Markus Kirche, kann der Leser sich vorstellen. Auf einen so lernbegierigen Geist, eine so lebhafte Fantasie, wie sie Kolping eignete, musste der Anblick der Lagunenstadt einen bezaubernden Eindruck machen, den er auch in einem schwunghaften Gedichte wiedergibt.

Von Venedig begaben sich die vier Wanderer nach Padua zurück, beichteten dort bei ihrem freundlichen Pater und kommunizierten am Grabe des heiligen Antonius. Dann zogen sie das Tal der Brenta hinauf nach Bassano und Pergine und besuchten in Capriana die stigmatisierte Jungfrau Domenica Lazzari, über die er folgendes notierte:

„Nach eingenommenen Frühstück fragten wir das Haus der weit und breit berühmten Domenica Lazzari aus, eines Mädchens von ungefähr 26 Jahren, die schon seit sieben Jahren das Bett hütet und, wie die fromme Marie zu Kaltern, die Wundmale des Herrn an ihrem Leibe trägt. Man wies uns nach einer armen Hütte, welche am westlichen Ende des Dörfchens  liegt. Als wir näher kamen, mussten wir über die Armut des Häuschens und der Bewohner staunen, unter denen Gott so große  Gnaden  wirkt. Ja wahrhaft, Gott sieht die Person des Menschen nicht an und der Glanz der Erde ist wie Staub vor seinem Angesicht! Wir stiegen eine baufällige, hölzerne Treppe hinauf und befanden uns nun im Inneren des Hauses. Um den Herd saßen einige Mannspersonen, mit grobem, schlechtem Zeug bekleidet, und verzehrten ihr kärgliches Morgenbrot, Kartoffeln mit der Schale und, wie ich glaube, noch ein Gericht von Milch. Ein Frauenzimmer, die Schwester Domenicas, ging ab und zu. Armut sprach aus allen Teilen der Wirtschaft. Wir baten um die Erlaubnis, Domenica sehen zu dürfen. Eine Weile mussten wir warten, weil gerade Besuch bei ihr war. Dann gingen wir in das ärmliche, mit einigen religiösen Bildern verzierte Zimmerchen, in dem Domenica auf einem ärmlichen Bette lag. Gegen das Licht und die frische, kalte Morgenluft, welche durch das geöffnete Fenster dran, hatte man einen Schirm neben sie gestellt, so dass man sie nur undeutlich sehen konnte. Bald erschien die Schwester und drückte den Schirm weg. Domenica lag wachend im Bette und blickte fast verlegen auf uns hin. Wir aber standen betroffen neben dem Bett der Leidenden. Sie hielt ihre Hände in einander gekrampft, auf denen die Wundmale viel stärker als bei Marie Mörl ausgeprägt waren. Rings um die Wunden hatte sich von dem oft herausquellenden Blut eine Kruste gebildet. Ihr Antlitz war abgemagert, wie die Hände, und fein. Um die Stirne und das Haupt zog sich die scharf und deutlich ausgeprägte Dornenkrone, nämlich eine fortlaufende Wundenkrone, ebenso in eine Kruste gehüllt, wie die Wunden der Hände. Diese Krone hat Maria zu Kaltern nicht. Wo das Blut hinabgelaufen, dort hatte es, wie es schien, auf dem Gesicht Spuren hinterlassen. ... Wenn sie freitags das Leiden betrachtet, dringend aus allen Wunden häufiges Blut, und ihr Schmerz steigert sich alsdann so hoch, dass sie oft in lauten Jammer ausbricht. Augenzeugen sagen aus, dass man oft von Mitleiden gezwungen werde, wegzugehen. Selbst die rohesten Menschen, worunter ich die gemüts- und gefühlsreichen Gebirgsbewohner nicht rechnen, sondern vielmehr eine ganz andere Menschenklasse (Touristen aus dem Norden?) brechen in Tränen aus. Wenn ich jetzt noch, obwohl ich weit von hier, an ihre Gestalt und den Eindruck denke, den sie auf mich gemacht, so bebt mein Herz. – Stumm und staunend standen wir eine Weile neben ihr. Sie bewegte leise die Lippen wie im Gebet, zitterte dabei am ganzen Körper leise, während ihrer Schwester ihr Kühlung zufächelte. Wahrscheinlich war ihre innere Bedrängnis groß. Endlich redete einer von uns sie lateinisch an. Sie verstand ihn sogleich. Ein Wink genügte der Schwester, welche sogleich uns Heiligenbilder, welche wir uns erbeten hatten, als Andenken austeilte. Dann empfahlen wir uns in ihr Gebet, betrachteten sie noch eine Weile und schieden tief bewegt. Auch sie genießt, wie die Marie, durchaus keine Nahrungsmittel, was von geist- und weltlicher Obrigkeit untersucht und bestätigt ist. Domenica ergreift die Seele tiefer durch ihr schmerzübergossenes Äußere, wogegen Marie mehr durch ihre Ekstase die Seele erhebt und in ihrer Betrachtung herüberzieht.“

Die ekstatischen Jungfrauen in Tirol nahmen, wie wir sehen, dass volle Interesse Kolpings in Anspruch; es beweist dies auch ein längerer Aufsatz, einer der drei, die er dem Reisebuch beigefügt hat und worin er sich weitläufig über das Wesen der Verzückung und Stigmatisation verbreitet. Kolping zeigte immer große Vorliebe für mystische Studien und las als Student bereits mit dem größten Eifer die christliche Mystik von Josef Görres. Die begnadigten Seelen in Kaltern und Capriana nennt er „lebendig, fröhlich und freudig blühende Glieder am mystischen Leibes Christi, in denen der höhere Pulsschlag das gesteigerte Leben verkündet.“...

Übrigens genug von der schönen Reise. Am 8. Oktober gegen Mittag saß Kolping wieder auf seinem Zimmerchen in der Veterinärstraße zu München bei seinen freundlichen Hausleuten, und unter den Briefen findet er einen mit Geld beschwerten von seinem Wohltäter, dem jungen Advokaten W. aus Köln. Gott sei Dank! Nun wirft er sich wieder mit frischem Mut aufs theologisches Studium, schreibt aber leider kein Tagebuch mehr, „weil er die Reisenotizen ordnen und zusammenstellen muss, damit sie ein handliches Buch werden, welches er nach Hause gesendet, damit sich dort viele dran erfreuen können.“ So geht der Winter herum, bei dessen Schluss eine Anzahl seiner rheinländischen Freunde das Isar-Athen verlässt; ein von Kolping gedichteter „Abschiedsgruß“ wird beim letzten schmerzlich-fröhlichen Konveniat gesungen. Noch ein Semester, und auch er verlässt die ihm liebgewordene Stadt und Universität. Sein Abgangszeugnis datiert vom 26. Juli 1842. Nun soll er nach der Universität Bonn.

Wir haben früher schon bemerkt, dass es Kolping nicht sehr nach der rheinischen Universität hinzog. Es walteten dort Verhältnisse ob, die ihm wenig zusagten. Dennoch musste er die zweite Hälfte seiner Studien absolut in Bonn machen, um von dort dann in das Priesterseminar nach Köln zu gelangen. Aufzeichnungen von seiner Hand haben wir aus der Zeit des Bonner Aufenthaltes fast gar keine; er verwandte eben seine ganze Zeit auf die Studien, denn der Termin des großen Examens für das Seminar rückte nun immer näher. Da galt es, nach Dieringers Anweisung, sich den eigentlichen Schulsack anzueignen und alle Allotria beiseite zu lassen.

So wurde Kolping denn am 3. November 1842 in Bonn durch den damaligen Direktor Professor Naumann immatrikuliert und hörte in den drei folgenden Semestern philosophische Vorlesungen bei van Calker und Brandis. Mehr als diese Professoren aber zog ihn der damals zum ersten Mal auftretenden Professor Dr. Clemens an, für den er schwärmte und den er sehr gern in Bonn recht tiefe Wurzeln hätte schlagen sehen. Das Kolleg „die Philosophie der christlichen Dichter“ frequentierte er mit dem größten Interesse und schrieb damals in ein öffentliches Blatt einen Doktor Clemens auf das wärmste empfehlenden Artikel, worin er die geistreiche Auffassung und den positiv christlichen Charakter der Clemensschen Vorlesungen rühmte. Auch im mündlichen Verkehr brach er manche Lanze für Clemens. Neben Clemens zog ihn besonders Dieringer an, der nicht lange vorher von der bischöflichen Lehranstalt zu Speyer, wo er sich namentlich durch sein „System der göttlichen Taten“ als einen begabten und ganz positiven Dogmatiker und Apologeten rühmlich hervorgetan hatte, nach Bonn berufen worden war.

Sein Prinzip, das einzig katholische, spricht er in dem paulinischen Credidi, propter quod locutus sum - erst Glaube, dann Wissen, – welches er unter sein Bild schrieb, treffend aus. Außer Dogmatik und Offenbarungstheorie hörte Kolping bei ihm eine Vorlesung über Verwaltung des Beichtstuhls und das bekannte „Publicum“, die Geschichte des Trienter Konzils; auch beteiligte er sich an den von Dieringer geleiteten homiletischen Übungen. Auch Professor Aschbach gefiel ihm, wie jedem „der die auf sorgsames Quellenstudium gegründete Geschichte dem Schmucke der Rede und einer bestechenden Phraseologie vorzieht.“ Er hörte bei ihm die Geschichte des Mittelalters und die des 18. Jahrhunderts. Auch bei den Professoren Friedlieb, Scholz, Achterfeldt, Walter, Hilgers und Diez hörte er Vorlesungen.

Besonders materieller Wohltaten aus Stiftungen und anderen Quellen durfte Kolping sich in Bonn nicht erfreuen. Er gehörte ja zu jenen, die mit manchem in Bonn unzufrieden waren und dies sehr vernehmlich äußerten; auch seine Vorliebe für Dieringer und Clemens konnte ihn überall dort nicht besonders empfehlen, wo auf Geldunterstützungen zu hoffen war. So war er denn auf die Hilfe angewiesen, die ihm aus der bekannten Quelle in der nächsten Heimat zufloss. Die Kost nahm er vielfach im Hause einer in Bonn verheirateten Schwester seiner Gönnerin.

Am 20. März 1844 nahm er Abschied von der Universität, um gleich nach Ostern in das Priesterseminar in Köln einzutreten.

Joseph von Görres war einer von Kolpings Universitätslehrern in München.

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Adolph Kolping - zeitgenössische Malerei (Asselborn)

Zur Fortsetzung der Biografie

Teil 4: Seminar und Priesterweihe

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